Freitag, 22. September 2017

KUNST kurz vor der Wahl

(c) Wolfgang Tillmans

Wolfgang Tillmans ruft zum Urnengang auf, ich beschäftige mich mit der Frage, warum so viele Leute das Gefühl haben, dass es egal ist, wen oder welche Partei man wählt (abgesehen von der AfD), weil sich ohnehin nichts ändern wird, während es gleichzeitig immer mehr aktivistische Kunst gibt... (Dieser Eintrag ist Teil II von „KUNST und Tugend“. Den ersten Teil findet ihr hier.)

Wer den Wahlkampf verfolg hat, die Medienberichte und dazu noch, was die Parteien, die Herausforderer sich gegenseitig vorwerfen – „Wahlkampf im Schlafwagen“, als TV-Duell getarnte Werbung für Erneuerung der GroKo, Merkel bloß „Vergangenheitsverwalterin“, vom „Schulzzug“, „Gottkanzler“, „Sankt Martin“ nur noch „Charme eines Sparkassenangestellten“ über, die FDP ist die „Nutten-Partei, weil sie mit jedem ins Bett geht und dann umfällt“, die Grünen sind überflüssig, weil ihr Programm längst Allgemeingut ist – der wird das Gefühl nicht los, dass es egal ist, wen oder welche Partei man wählt, weil sich ohnehin nichts ändern wird.
Ganz anders in der Kunst: Scheint so, als erhalte jeder Künstler heute mit der Einladung, an einer Ausstellung teilzunehmen, automatisch auch den Auftrag, die Welt zu verändern. Kunst gegen Kapitalismus, Neoliberalismus, Genderisierung, gegen Unterdrückung, für Flüchtlinge und für die Umwelt.
Was alle drei jedoch gemeinsam haben, die politische Klasse, die Medien und die Kunst: Ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Schulz kündigt im TV einen neuen harten Kurs gegen Ankara an, obwohl sich Merkel und Gabriel kurz zuvor noch auf Beschwichtigung geeinigt haben und der Streit um die Flüchtlingsobergrenze, der fast zum Bruch der Schwesterparteien CDU/CSU geführt hätte, war im Grunde nichts anderes als Wortklauberei – ob das ganze jetzt Obergrenze oder Kontingent heißt.
„Lügenpresse“- und „Fake News“-Vorwürfe sind allgemein bekannt. Es gibt diese Ressentiments längst nicht mehr nur in den USA, sondern auch in Deutschland, zum Beispiel im Zusammenhang mit Berichten über die rechte oder die salafistische Szene.
Ich spare mir an dieser Stelle den Versuch, zu verschriftlichen wie „Lügenpresse! Auf die Fresse!“ mit sächsischem Dialekt klingt. Stattdessen will ich warnen. Warnen vor den gleichen falschen Vorbehalte gegenüber der Kunst. Man stelle sich doch nur einmal einen wütenden Mob aus lauter Judy Lübkes vor.
Die Verbindung zwischen Kunst und „Fake News“ ist aber gar nicht so an den Haaren herbeigezogen, wie sie klingt. Denn die Kritik an der Kunst auf Kunstgroßveranstaltungen wie der Documenta oder der Biennale, vielleicht auch an der zeitgenössischen Kunst allgemein, lautet übereinstimmend: Sie will viel, nur leider kommt davon nichts rüber. Die Pleite der diesjährigen Documenta darf also nicht vergessen machen, dass der eigentliche Flop die ausgestellte Kunst war.
Beispiel: Besonders deutlich wird die Verbindung bei Michel Abdollahi und dessen riesigem Schaumstoffküchenschwamm, der ein Zeichen gegen Rassismus sein soll und den er in Hamburg und Augsburg ausstellte, wo es beide Male zu Zwischenfällen kam. In Hamburg wurde er angezündet und in Augsburg in Windeseile von spielenden Kindern zerpflückt, ohne dass die Eltern eingegriffen hätten. 
(c) Michel Abdullahi
Was heißt das? Zunächst einmal, dass die direkte Beziehung zwischen Kunst (im Falle von Kunst im öffentlichen Raum) und der breiten Bevölkerung (statt eines Liebhaberpublikums) einen ungehemmteren und ehrlicheren Umgang generiert.
Und zweitens, darauf will ich eigentlich hinaus: Dass die Leute den Wert der Kunst nicht erkannt haben. 

„Ein Schwamm, das ist doch kein Zeichen gegen Rassismus. Was soll das? Das kann ich auch“, so fasst Abdollahi die Reaktionen in einem Radinterview mit dem SWR zusammen.
Klartext: Die Kunst ist so schlecht, dass man ihr vermeintliche Ambitionen überhaupt nicht abnimmt. Jerry Saltz formuliert es diplomatischer, schreibt, ihr fehle eine „dritte Ebene“ abgesehen von „Politik und Bild“. Also das eigentlich Kunsthafte oder Kunstmäßige 
Und weil „schlechte Kunst“, schlechte Kunst, die trotzdem die meiste Aufmerksamkeit bekommt, längst kein Einzelfall mehr ist, wird der Anteil des Publikums, für den es unangemessen ist, wenn  Kunst sich mit solchen großen Fragen, wie Flüchtlingskrise, Rassismus oder Umwelt beschäftigt, immer größer. Obwohl sie doch eigentlich für denjenigen, der Kunst macht, für den Kunst das Allergrößte ist, ganz selbstverständlich zur Kunst gehören und zum Nimbus, der wiederum zur Kunst gehört. 
Vielleicht gibt es auch nur deshalb so viel schlechte Kunst, weil der Künstler mit all diesen Fragen schlicht überfordert ist. Eine Überforderung die besonders in unserem Zeitalter der Hyperinformiertheit und des Zwangs, non-stopp sendebereit zu sein, deutlich zu Tage tritt.
Diesem Wiederspruch versuche ich hier auf den Grund zu gehen. Deshalb zunächst einmal folgende Feststellung: Es gibt nichts Zusammengehöriges, das so ungleich ist, so uneinheitlich, so sehr voneinander abweicht, wie die Vorstellung von Kunst, der Kunstwelt und das Bild vom Künstler. Mit „uneinheitlich“ meine ich die unterschiedlich große Bedeutsamkeit, die sie besitzen. Deren unterschiedlich hohen Stellenwert. Alle drei, Kunst, Künstler und Kunstwelt, gehören eigentlich zusammen, nehmen aber jeweils einen anderen Rang ein.
Ganz oben steht die Kunst. Der Künstler macht Kunst. Künstler, Kunstwerke und das Kunstpublikum bilden gemeinsam die Kunstwelt.
Es ist bestimmt nicht falsch, wenn man feststellt, dass die Kunstwelt viel Glanz einbüßen musste in Folge der Skandale um Achenbach, Beltracchi und Gurlitt, der Diskussion um unsere koloniale Vergangenheit, die das Humboldtforum ausgelöst hat und durch Preise für Kunst, die in schier unermessliche Höhen steigen, während gleichzeitig Künstler eine ebenso große Abgehobenheit demonstrieren. Wie zum Beispiel Ai Wieweit, der denkt, es sei ein wertvoller Beitrag zur Debatte, sich als toter, am Strand angespülter Flüchtling ablichten zu lassen.
Es hat sich eingebürgert, zu sagen, der Künstler macht Kunst. Gemeint ist aber eigentlich, dass er Kunstwerke herstellt. Denn die Kunst ist nicht einfach das Ergebnis des Kunstschaffens, sondern ein Ideal, für das der Künstler lebt und das überhaupt erst Auslöser ist für den Drang, Kunst zu schaffen. Richtiger wäre allerdings, zu sagen „Kunstwerke herzustellen“. Auch wenn das weniger außergewöhnlich klingt und sich dementsprechend weniger nach Kunst anhört. Hieran zeigt sich, worauf ich hinauswill: Dass es einen Unterschied macht, der in der Rangordnung liegt, ob man von „Kunst“ oder „Kunstwerken“ spricht, dass „Kunst“ und „Kunstwerk“ nicht gleichbedeutend sind – auch wenn „Kunst schaffen“ und „Kunstwerke herstellen“ hier dasselbe meinen.
Nun gibt es drei Probleme, die am Verlust der Glaubwürdigkeit und am Bedeutungsverlust der Kunst schuld sind. Eines führt ja zum anderen.
Erstens dass nicht zwischen Kunst (Kunst als oberste Instanz, als höchstes Ideal, also dem Grund, überhaupt Kunstwerke zu machen) und Kunstwerken (als bloße Verdinglichung des Versuchs eines Künstlers, seinem hohen Ideal nachzugehen) unterschieden wird.
Zweitens dass die Aufmerksamkeit, wenn überhaupt unterschieden wird, zu sehr auf den Kunstwerken liegt, statt auf der Kunst. Also darauf, was eigentlich hinter einem Kunstwerk steckt und in punkto Bedeutung weit darüber steht.
Kurz: Es kann vielleicht die Art oder Form der Auseinandersetzung, also das Kunstwerk, kritisiert werden. Zum Beispiel dass Kelley Walker Archivbilder von Protesten der Afroamerikaner  in den 60ern mit Schokolade auf Leinwände druckt oder Ai Weiwei in der Prager Nationalgalerie ein 12 Meter langes Flüchtlingsboot von der Decke hängen lässt, um nochmal die Fälle zu erwähnen, um die es in meinem letzten Eintrag ging. Aber niemals die Anspruchshaltung des Künstlers, sich mit ebenjenen großen Fragen zu beschäftigen. Der Anspruch, der genauso zur Kunst gehört, wie die Unwissenheit, was wirklich Kunst ist, die deren hohen Rang überhaupt erst sichern. 
Der Werteverfall in der Kunstwelt und schlechte Kunstwerke begründen also nicht einen Bedeutungsverlust der Kunst.
Drittes Problem: Weil die ersten beiden Punkte nicht vermittelt werden, hält ein breites Publikum noch immer an Maßstäben oder Kriterien für gute beziehungsweiße schlechte Kunst fest, wie Ästhetik, Technik, Meisterhaftigkeit, die längst nicht mehr ausschlaggebend sind für zeitgenössische Kunst und ist enttäuscht, wenn Kunstwerke ihren Ansprüchen nicht genügen. Obwohl Isolation und Mit-Sich-Selbst-Beschäftigt-Sein, die gewissermaßen Voraussetzung sind für deren Vorstellung von guter Kunst, im Widerspruch stehen zu unserer Zeit und der Rolle des zeitgenössischen Künstlers als Influencer, Selbstunternehmer und Alleskönner.

Die Schuld liegt aber nicht beim Publikum, sondern den Akteuren der Kunstwelt, allen, die mit Kunst Geld verdienen und kein Interesse daran haben, dass die Bedeutung vom Verkaufsgegenstand hinüberwandert zum immateriellen Wert der Kunst.

Freitag, 18. August 2017

KUNST und Tugend

(c) AFP (Josep Lago)
Die Bundeswehr hat ein Haltungsproblem (Nazi-Skandal!), Manager haben ein Haltungsproblem (Diesel-Skandal!), die Politik hat ein Haltungsproblem (Verwicklungsskandal!), die katholische Kirche hat ein Haltungsproblem (Missbrauchsskandal!), Islamisten sowieso. Die ganze Welt hat offenbar ein Haltungsproblem. Selbst Gott hat eins. Oder ist die Theodizeefrage, also die Frage, ob es Gott gibt, und wenn ja, warum er dann so viel Leid zulässt, etwa etwas anderes, als die Frage, ob Gott ein Haltungsproblem hat? Die Revolution, die im 18. Jahrhundert gemeinsam mit anderen Kollektivsingularen, zu denen auch die Kunst gehört, Gott abgelöst hat, hat mittlerweile auch ein Haltungsproblem (Venezuela). Und immer wird das Ganze von noch schlimmeren Krisen überschattet: Von Androhungen, mit denen sich Trump und Kim Jong Un gegenseitig hochpuschen. Von einem Terroranschlag in Barcelona.
Auch die Kunst, um die es hier geht, hat ein Haltungsproblem: Sie beschäftigt sich mit den ganz großen Fragen, die sich kritisch mit unserem System auseinandersetzen, vor allem mit Kapitalismus, die sich um die Flüchtlingskrise drehen, um Vergangenheitsbewältigung, um die Verbrechen des Nationalsozialismus also oder den 11. September oder die sich an der Gender-Debatte beteiligen, hat sich darin auf redliche Weise, indem sie zuvor etwa irgendwelche kleinen beantwortet hätte, die das Tagesgeschehen betreffen, aber keine Kompetenz erworben, sodass es keinen Anhaltspunkt dafür gibt, wodurch sie diese Kompetenz überhaupt besitzen sollte oder, weniger geringschätzig vielleicht, woher ihr Verantwortungsgefühl kommt.
Es geht bei engagierter Kunst immer um die ganz großen Fragen, aber sie beteiligt sich nicht (oder nur sehr selten) an den kleinen. Am, wie man so schön sagt, „Tagesgeschäft“.
Doch wird die Kunst im öffentlichen Diskurs darüber überhaupt vermisst? Gibt es eine Mehrheit, die sich darüber beklagt, dass Kunst sich an Diskussionen über das Tages- oder Wochengeschehen, die täglich in den Medien oder Sozialen Netzwerken stattfinden, nicht beteiligt? Oder umgekehrt dass solche Debatten im Feld der Kunst nicht stattfinden?
Beziehungsweiße steht Kunst überhaupt in der Verantwortung sich am Tagesgeschehen zu beteiligen? Sich mit kleinen Fragen aufzuhalten? Oder verliert sie dadurch nicht sogar ihren Glanz? Zur Qualität  großer Kunst zählt zwar, dass sie nah am Zeitgeist ist, aber gleichzeitig auch zeitlos und universell.
Auf der anderen Seite: Wenn Kunst sich schon für die großen Fragen verantwortlich fühlt, ist sie dann nicht umso mehr auch für die kleinen verantwortlich? Und erwartet man nicht – wenn sie schon die großen Fragen behandelt – dass sie zuvor bereits Antworten auf die kleinen gefunden hat?
Kann man die Kunst vielleicht ein bisschen mit der Kirche vergleichen, von der sich einstmals – es ist vielleicht noch gar nicht so lange her – viele Schäfchen gewünscht hätten, dass sie sich mehr ins Tagesgeschehen einmischt, dass die Kirche sie mehr bei den kleinen, alltäglichen Fragen des Lebens unterstützt, die sich dazu aber nicht herabgelassen hat? Dadurch immer mehr an Einfluss und Bedeutung verlor, sodass sich heute kaum jemand mehr dafür interessiert, was sie zu den großen Fragen, zur Abtreibung etwa, zu sagen hat. Die Kunst fühlt sich verantwortlich für die großen Fragen, kann aber keine Antworten auf die kleinen finden oder interessiert sich gar nicht erst dafür.
Einerseits kann man mit Kunst nicht schnell genug reagieren auf Dinge wie Dieselgate, Nazi-Vorwürfe gegen die Bundeswehr, die Frage, ob es Unrecht war, dass Niedersachsens MP Stephan Weil seine Rede vorab bei VW vorgelegt hat oder dass Baden-Württembergs grüner MP einen Diesel, also einen Luftverpester, fährt, die Frage, ob Christian Wulff als Ex-Bundespräsident für ein türkisches Bekleidungsunternehmen arbeiten darf oder ob er damit nicht gegen die Würde des Amtes verstößt und sein Anrecht auf den Ehrensold in Höhe von jährlich 236.000 Euro verliert, genauso was mit Gerhard Schröder ist und seinem Jobangebot von Rosneft oder Elke Twesten, warum sich in Köln nur so wenige am Marsch gegen Gewalt und islamischen Terror beteiligt haben und warum abermals – diesmal in Barcelona – eine Verrückter in eine Menschenmenge fuhr.
Zwar können sich Künstler wie alle anderen am öffentlichen Diskurs beteiligen, aber ehe ein Kunstwerk – ein Kunstwerk als Beitrag zu einer Debatte – fertig wäre, würde schon längst wieder ein neues Problem auftauchen und das alte in Vergessenheit geraten.
Andererseits stellt sich bei Problem, die so gravierend sind, dass es nicht einfach mit einem Software-Update oder der Einrichtung von Auffanglagern in Libyen getan ist, dass also genug Zeit wäre, sich künstlerisch damit auseinanderzusetzen, die Frage, ob Kunst überhaupt ein angemessenes Mittel ist, sich mit diesem Problem zu beschäftigen, ob Kunst diesem Thema gerecht werden kann und seitens der Künstler sogar, ob es moralisch richtig ist, daraus Kunst zu machen.
Sicher, man kann hier entgegnen: Was ist denn mit all der Kunst, die in Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus geschaffen wurde? Stolpersteine. Das Holocaustdenkmal. Sind die etwa unangemessen? Verfehlen die etwa ihre Wirkung? Sind Sie nur angemessen, weil die Nazizeit vorbei ist und der Schrecken nicht mehr gegenwärtig?
Gegenfrage: Würden heute in Deutschland noch Unschuldige vom Staat nur wegen ihres Glaubens aus ihren Häusern verschleppt werden mit der Gewissheit nie wieder zurückzukommen, wären dann Stolpersteine, die jetzt gerade wieder wahlkampfmäßig von Bundestagskandidaten poliert werden (der erste wurde übrigens erst 1992 verlegt), eine angemessene Auseinandersetzung oder ein schöner Trost?
Die Diskussion um das geplante Einheitsdenkmals „Bürger in Bewegung“, das vor dem Haupteingang des Humboldtforums errichtet werden soll und dessen Einweihung für 2019 angesetzt ist, zeigt, wie erheblich heute die Zweifel am Sinn solcher Erinnerungs- beziehungsweiße Mahnungskunst sind.
„Bürger in Bewegung" soll ein Denkmal werden für die friedliche Bürgerbewegung, die dafür gesorgt hat, dass die Mauer fiel. Aber ist es auch ein angemessenes Denkmal für die 139 Menschen, die beim Versuch, die Mauer zu überqueren, von DDR-Grenzwächtern erschossen wurden? Oder für die 1274 Menschen, die beim waghalsigen Versuch, über die Ostsee aus der DDR zu fliehen, ertranken oder an Erschöpfung und Unterkühlung starben?
Hanno Rauterberg nennt in einem Feuilletonstück in der ZEIT („Tanz der Tugendwächter“, ZEIT Nr. 31 vom 27.07.2017) Beispiele, in denen eine falsche Haltung sogar Anlass für Kulturkämpfe war: Schwarze gegen Weiße im Falle Kelley Walkers, einem Künstler, der in Fotoarchiven nach Bildern von Protesten der Schwarzen in den 60ern sucht und diese mit Schokolade auf Leinwand druckt. Afroamerikanische Museumsmitarbeiter fühlten sich davon diskriminiert und sind gemeinsam mit einer Petition gegen ihn vorgegangen.
Oder Ureinwohner gegen diejenigen, die ihnen einst ihr Land weggenommen haben. So
brachten Nachfahren von Indianer mit Parolen wie „Unser Völkermord ist nicht eure Kunst!“ und indem sie 200 Dollar auf sein Skalp aussetzten, den Künstler Sam Durant, der keine indianischen Wurzeln hat, dazu, seine Installation zu zerstören, die an den Massenmord an den Indianern erinnern sollte.
Für diejenigen, die auf der Seite der Kunst stehen, gibt es keine Bedenken, dass es bei Kunst um die großen Fragen geht, deren Spanne von Wiedergutmachung bis Systemkritik reicht. Für alle anderen allerdings schon.
Die Kunst hat also ein Kompetenzproblem, das man am besten versteht, wenn man sich folgendes vergegenwärtigt: Es gibt für die meisten Menschen drei Arten von Kunst. Kunst, die schön ist, Kunst, die sie nicht verstehen und Kunst, die sich für irgendetwas einsetzt.
Wenn Kunst in der Wahrnehmung der meisten Leute aber entweder einfach nur schön oder im anderen Fall schlicht unverständlich ist, dann zweifeln sie zurecht an der Kompetenz der Kunst in den großen Fragen.
Diese Zweifel würden nicht bestehen, wenn Kunst mehrheitlich – und nicht bloß von Künstlern – als oberste Instanz angesehen werden würde. Weil hinter jeder Kunst ein Mensch steckt, stellt sich stattdessen aber die Frage, woher ein Künstler wiederum die Kompetenz für Kunst besitzt, wenn es für ihn bei Kunst um die ganz großen Fragen geht. Und ständig vermischen sich beide Fragen miteinander: Ist es nun die Kunst, die für die großen Fragen verantwortlich ist oder der Künstler, der sich angesichts seiner Aufgabe, Kunst zu produzieren, für die großen Fragen verantwortlich fühlt.
Dieses Haltungsproblem diagnostiziert auch Kritikerlegende Jerry Saltz der Kunst in einem Beitrag, der jetzt erst auf Deutsch auf art-magazin.de erschien. Mit deutlicher Verspätung, denn darin bezieht sich Saltz auf die Ausstellung "Wrong Side of History", die vom 18. Mai bis 9. Juli in der New Yorker Galerie Bullet Space lief. Er beklagt: „Wir sind gegenwärtig Zeugen eines politischen Paradigmenwechsels, und angesichts der großen Umwälzungen und Risiken fühlt sich die Wirklichkeit außergewöhnlich lebhaft an. Doch je gründlicher ich nach ähnlichen Lebenszeichen in der Kunstwelt Ausschau halte – was ich stets tue – desto frustrierter bin ich.“
Liest man Saltzs Text bekommt man folgenden Eindruck: Das Mitgefühl vieler Künstler ist entweder gar nicht echt („Ihre weltreisenden Mitglieder pflegen gemeinsam ihre Rituale und machen sich und uns weiß, dass sie die Speerspitze einer mitfühlenden Avantgarde seien.“) und sie versuchen, öffentlichkeitswirksam auf einer Welle der Solidarität mitzuschwimmen, beschäftigen sich bloß zu ihren eigenen Gunsten mit diesem Thema. Oder sie schnappen sich ein ernstes Thema, weil sie kein eigenes haben, sich menschliches Leid, ganz egal ob eigenes oder das von anderen, aber immer besonders gut zu Kunst verarbeiten lässt.
Eine Teufelsspirale, denn je heftiger das Unrecht und die Ungleichheit auf der Welt (in Gestalt der anströmenden Flüchtlinge zum Beispiel) an unsere Türen klopfen, desto beschämender erscheint es, sich mit den eigenen Problemen zu beschäftigen und die eigenen Probleme zum Gegenstand der Kunst zu erheben, die im Vergleich zu den großen geradezu mikroskopisch klein erscheinen.
Doch wäre dieser Umstand nicht eigentlich das viel geeignetere, ehrlichere Thema für Kunst? Also dass Kunst mit dem Glauben daran zusammenhängt, man selbst sei etwas Besonderes, dem Wunsch, besondere Dinge zu tun, die jedoch nach Krisen, wie wir sie in letzter Zeit erlebt haben, sagen wir Terroranschläge, auf tragische Weiße mit der Realität zusammenprallen und der traurigen Erkenntnis, wie wenig man mit Kunst tatsächlich bewegen kann. Und empfinden dieses Gefühl nutzlos zu sein, den Dingen machtlos gegenüber zu stehen, nicht alle? Aber hat nicht gerade der Künstler ganz besonders das Recht dazu, daraus Kunst zu machen, weil er dieses Gefühl, das alle teilen, vielleicht tausendmal stärker empfindet als alle anderen, weil bei ihm das Gefälle so groß ist zwischen seinem hohen Ideal von Kunst, zwischen dem, was er mit Kunst vorhatte und dem was man mit Kunst tatsächlich erreichen kann. Natürlich nur wenn diese Einsicht, wenn diese Gefühle auch echt sind.
Hätten in einem solchen Fall Zweifel an der Kompetenz oder Authentizität überhaupt noch eine Berechtigung?
Leider bekommt man in letzter Zeit eher den Eindruck, dass Künstlern oder Kuratoren die hohe Kunst der Selbstreflexion abhandengekommen ist. Dass sie vielleicht sogar ernsthaft an eine Überlegenheit in allen moralischen Fragen glauben, die den Künstlern von Natur aus gegeben ist. Wie sonst soll man sich die diesjährige Biennale erklären, vor allem die von Christine Macel kuratierte Hauptausstellung auf dem Arsenale, auf der einem ein Foto, das den auf einer Museumsbank schlafenden Künstler Mladen Stilinović zeigt, als wertvolles, lehrreiches Statement zum Leistungsdruck, unter dem jeder heute leidet, verkauft wird? Glaubt man an so eine Überlegenheit, sieht man natürlich keine Notwendigkeit mehr für besonders großen Einsatz.
Das ist auch Saltzs zweite Hauptkritik: Die Auseinandersetzung politischer Kunst mit der Wirklichkeit ist nicht intensiv und das Ergebnis schlichtweg nicht gut genug.
Problematisch ist nicht das Anliegen ihrer Arbeiten (wir nehmen alle gleichermaßen Anteil), ihrer Thematiken oder ›Ernsthaftigkeit‹. Niemand meint, dass Kunst bloß lieblich, albern, zugänglich oder schön zu sein habe, oder gar dass ernsthafte Themen nicht in den Bereich der Kunst fielen. (...) Problematisch ist jedoch, wie unoriginell, nachgeahmt, offensichtlich und trivial die Arbeiten sind. Und wie ähnlich sie einander sehen.“, so Saltz.
In seinem Beitrag geht Jerry Saltz auch auf eine Publikation ein, die begleitend zur Ausstellung erschien und lobt den Text von Andrew Castrucci, einem beteiligten Künstler: „Folgende Zeile aus Castruccis Essay ist mir besonders in Erinnerung geblieben: ››Ich hasse politische Kunst‹‹. Auf meine Frage, was er damit meine, antwortete er: ››Die Arbeit muss eine dritte Ebene haben. Es darf nicht bloß Politik und Bild geben‹‹. Ich fragte ihn daraufhin: ››Und was ist die dritte Ebene?‹‹, worauf er antwortete: ››Kunst und Stofflichkeit‹‹. Amen.“
Im Kern: Politischer Kunst fehlt das eigentlich Kunstmäßige. Auch Rauterberg diagnostiziert diesen Mangel: „Viele interessieren sich selbst nicht mehr für Formfragen, eher schmückt man sich mit politischen Botschaften und übt kritische Tugendhaftigkeit.“
Das heißt: Obwohl Kunst für Künstler das Allergrößte ist und es deshalb für sie bei engagierter Kunst automatisch oder unvermeidlich um die großen Fragen geht, ist deren Auseinandersetzung mit diesen Fragen nicht von einer Intensität, die man angesichts der Schwere der Themen erwarten würde – sei es aus Unvermögen, aus Überforderung oder im schlimmsten Fall weil sie zu Unrecht glauben, dass einer Sache, einfach schon indem sie sich mit ihr beschäftigen, etwas Kunstmäßiges anhafte und das ausreiche. Dementsprechend ist die Qualität der Kunst gering, damit auch der Gewinn, den man daraus ziehen kann, sodass das Publikum an ihrer Kompetenz in den großen Fragen zweifelt. Die Schuld daran trägt der Künstler der ihre Kompetenz, oder eher Zuständigkeit – schließlich muss ja der Künstler die Kompetenz besitzen – nicht in Frage stellt. Das ist der zweite Teufelskreis.
Was ist dann mehr Kunst? Wenn 120 Bundestagsabgeordnete der Grünen und Linken im Rahmen einer von der Seenotrettungsorganisation Seawatch organisierten Aktion Flüchtlinge spielen und in einem wackligen Schlauchboot vor dem Bundestag in die Spree steigen oder wenn Ai Weiwei ein 70 Meter langes Flüchtlingsboot mit 258 überlebensgroßen Flüchtlingspuppen als Insassen in der Prager Nationalgalerie von der Decke hängen lässt?
Wenn der italienische EU-Parlamentarier Gianluca Buonanno als Merkel verkleidet die Rede von Jean-Claude Junker stört oder wenn sich Ai Weiwei auf einem Foto ausgibt als die am Strand von Bodrum angespülte Leiche des dreijährigen Aylan Kurdi?
Und warum ist es keine Kunst, wenn Ex-Präsident George W. Bush sich als Maler betätigt? Warum sind die Bilder von George W. Bush keine Kunst? Vielleicht nicht die Hundebabys, aber die Werkreihe „Portraits of Courage“, für die er verwundete und traumatisierte US-Soldaten portraitierte, die unter seinem Befehl im Einsatz waren.
Wird hier die Frage nach Recht oder Unrecht nicht viel ehrlicher gestellt? Nicht viel ehrlicher die eigene Schuld untersucht? Hat die Kunst hier nicht sogar einen echten Nutzen, der bei den vorherigen Beispielen nicht ersichtlich war: Hier wird Kunst als Mittel der persönlichen Wiedergutmachung auserwählt.
Doch Bush, der seine eigene Schuld in Bildern verarbeitet, ist kein Künstler, weil er für sich nicht in Anspruch nimmt, Künstler zu sein. Ganz einfach. Niemand wird ihn zum Künstler erklären, wenn er es nicht für sich selbst in Anspruch nimmt und umgekehrt wird auch niemand Ai Weiwei absprechen, dass er ein Künstler ist, obwohl er schlechte Kunst macht, solange er erklärt, dass er Künstler ist.
Kunst ist also eine Frage der Haltung. Aber damit der Verdruss über Kunst verschwindet, der hier deutlich wurde, und Kunst endlich wieder einen Sinn hat, müsste es, bevor es darum geht, welche Haltung, ein Künstler zu einem gewissen politischen Thema einnimmt, das er mit seiner Kunst bearbeitet, um die Frage gehen, wie er vor allem sich selbst beweist, dass er Künstler ist. Nicht weil ein Kunstpublikum einem Künstler grundsätzlich misstrauen soll, sondern weil es aus dem Weg, auf dem der Künstler zu dieser Überzeugung, diesem Selbstverständnis gelangt, der heute noch zusätzlich durch die Frage erschwert wird, ob es angesichts von Terror und Flüchtlingskrise angemessen ist, weiter Kunst zu machen, eine viel größere Lehre, einen viel größeren Nutzen ziehen könnte, als aus Kunstwerken. Weil vielleicht sogar der Weg des Künstlers dorthin, zu diesem Selbstverständnis, zu dieser Überzeugung die eigentliche Kunst ist.
Kunst hat also mehr mit Leben, mit Lebensplanung zu tun, als mit der Herstellung von Kunstwerken: 
Denn zu der innern Überzeug gelangt man nicht durch Kunstwerke – schließlich könnte man, würde man diese Überzeugung nicht schon vorher besitzen, niemals ein Kunstwerk für fertig erklären. 
Kunst als Strategie, als Formel fürs Leben also. Eine Strategie, die natürlich auch die Herstellung von Kunstwerken miteinschließt, bei der es aber eigentlich viel allgemeiner ums Produzieren geht, ums Produktiv-Sein, darum geht, selbst zu einer Überzeugung zu gelangen
Nur inwiefern unterscheidet sich Kunst vom herkömmlichen Gestaltungswillen, den ja alle besitzen? Und was macht eine Eigenschaft, die alle besitzen, beim Künstler so besonders? 
Weil Kunst für einen Künstler das Allergrößte ist, größer als er selbst selbstverständlich, hat er das Gefühl, besser, leistungsorientierter, aufmerksamer, visionärer, auf jeden Fall extremer sein zu müssen als andere, um seiner Rolle gerecht zu werden. Dass sich auch in dem Flüchtlingsboot von Ai Weiwei diese Einstellung zeigt, also die Einstellung, dass es wichtig ist als Künstler interessiert zu sein, willig zu sein, sich auch mit Dingen, die vielleicht die eigene Kompetenz überschreiten auseinanderzusetzen, sich zu äußern, ist vielleicht das einzig Wertvolle daran.
Diese Haltung lässt sich auch aufs Kunstpublikum übertragen. Dann gilt: Ich habe Interesse im Bereich Kunst. Wenn ich mir schon Zeit für Kunst nehme, wenn mir Kunstgenuss wichtig ist und wenn es bei Kunst vor allem um mich selbst geht, um Zeit für mich selbst und mit mir selbst geht, Kunstgenuss also eine Belohnung ist – ich gehen immer davon aus dass es beim Kunstbetrachten mehr um Zeit für einen selbst geht, durch die man zu einem Erkenntnisgewinn kommen kann, als um einen direkten Erkenntnisgewinn durch Kunst – dann muss ich mich zwingend in noch stärkerem Maße auch mit der Wirklichkeit auseinandersetzen. Mit dem Tagesgeschehen, mit dem sich Kunst nicht angemessen auseinandersetzen kann. Dann muss ich mich auch für andere interessieren. 
In dieser Anspruchshaltung, egal ob sie nun von außen kommt oder ob sie selbst auferlegt ist, sieht Hanno Rauterberg jedoch eine Gefahr. Die Gefahr einer „von neuen Grenzen durchzogenen Kunst, in der es unmöglich scheint, dass ein Christ sich anmaßt über das Seelenleben eines Muslims zu befinden." 
Konkret geht es also um die Frage, ob Künstler nur über das, was sie selbst erlebt haben, Kunst machen dürfen. Am deutlichsten für "Ja" spricht dabei nicht einmal, dass für das Publikum der Erkenntnisgewinn durch Kunst oder die Berührung von Kunst vielleicht größer beziehungsweiße tiefer und heftiger wären, würden sich Künstler nur mit Themen beschäftigen, die sie selbst betreffen, sondern die stumme Wut (durch Rauterberg haben wir auch einige Fälle kennen gelernt, in denen sie lautstark geäußert wird) über die Selbstherrlichkeit und Selbstüberschätzung auf der Seite der Kunst, die sich äußern im Glauben an das Recht, sich mit gewissen Themen auseinanderzusetzen, das ihr andere jedoch nicht zuerkennen, für die Kunst immer mehr in den Bereich des Zwielichtigen, Verwerflichen gerückt ist. Weil ihr Wert immer stärker nur mit Geld bemessen wird, gleichzeitig die Preise von Kunst in nicht nachvollziehbare Höhen steigen und wieder andere wie Beltracchi oder Achenbach es schaffen, diejenigen für dumm zu verkaufen und zu betrügen, von denen sich der kleine Mann selbst angesichts der Preise, die sie bereit sind für Kunst auszugeben, schon immer für dumm verkauft fühlte.
Niemand erwartet mehr noch automatisch ein Mehrwert von der Beschäftigung der Kunst mit gewissen Themen. Nur weil erstens das Thema, um das es geht, wichtig und dringlich und zweitens Kunst grundsätzliche bedeutsam ist, sodass nach dieser Logik eine Beschäftigung von Kunst mit einem gewissen Thema dessen Übertragung in höhere Sphären bedeutet.
Auch Rautenberg beschreibt diese Entwicklung, allerdings nicht nüchtern, sondern mehr anklagend und bedauernd: „Die Vorstellung, dass die Kunst einen universalistischen Freiraum öffnet, indem alles von allen gedacht und erprobt werden darf, diese Vorstellung wird zunichte gemacht.“ 
Er hält weiter an dieser Vorstellung fest, auch wenn sie gerade das Grundproblem darstellt. Es ist eben nicht alles erlaubt und nicht alles möglich. Natürlich hat Kunst mit dem Glauben, etwas Besonderes und dementsprechend mit Überlegenheit, zumindest mit Sich-Überlegen-Fühlen zu tun. Aber entstehen aus diesem Glauben nicht eher Einschränkungen, anstatt die allergrößte Freiheit? Einschränkungen, die die Verantwortung, die man als Künstler trägt und die Bringschuld, die man vor allem sie selbst gegenüber verspürt, mitbringen.
Rauterberg schreibt weiter: „Wohin das segregierende Denken (...) am Ende führen wird ist leicht abzusehen. Da die Kunst nicht länger frei und aus sich selbst heraus wertvoll ist, muss sie von der Biografie des Künstlers beglaubigt werden. Und sollte dieser Künstler kein aufrecht authentisches Leben führen, fällt der Wert seiner Kunst unweigerlich in sich zusammen.“
Muss man sich vor dieser Entwicklung fürchten, sie aufhalten oder ist es nicht eher schon immer so gewesen? Normalzustand also: Es gibt keine Kunst, die aus sich selbst heraus Kunst ist. Kunst – egal ob man sie dem Bereich Ethik oder dem Bereich Ästhetik zuordnet, zwischen denen sowohl Saltz auch als Rauterberg unterscheiden – ist immer erst dann Kunst, wenn der Künstler befindet, dass ein Werk fertigt ist. Dies ist nicht nur einer der schwersten Momente beim Kunstmachen, neben dem Sich-Aufraffen vor der leeren Leinwand, sondern vielleicht auch derjenige, der am meisten mit dem Künstler selbst zu tuen hat, damit zusammenhängt, wie ich als Künstler zu mir selbst stehe. Die Entscheidung, ob etwas Kunst ist, hängt am stärksten davon ab, ob ich mich erfolgreich so verhalten habe, dass am Ende mein Selbstwertgefühl und meine Selbstzufriedenheit ausreichen, um eine Sache zur Kunst zu erklären. Der einzig richtige Künstler ist also nicht der moralisierende, anprangernde, aber auch nicht der verspielte, verträumte, den sich Rauterberg wünscht, sondern der sich selbst hinterfragende Künstler, der immer wieder sich selbst etwas beweisen muss, seine eigene Nützlichkeit unter Beweis stellen muss.

Ich bin deshalb trotz aller Kritik auch nicht dafür, Kunst als oberste Instanz abzuschaffen – schließlich treibt ja erst die Kunst den Künstler zu seinem Denken und Handeln an, in denen ich einen viel größeren Nutzen fürs Publikum sehe, als in Kunstwerken.

Dienstag, 25. Juli 2017

KUNST und Leistung


Dass Kunst etwas mit Leidenschaft zu tun hat, man könnte auch sagen, dass Kunst für Leidenschaft steht, ist etwas ganz Selbstverständliches. Nicht aber, dass Kunst für Leistung steht.
Kunst mit Leistung, mit Karrieredenken, gar mit Karrieregeilheit (auch wenn Karrieregeilheit für mich nichts Negatives ist) in Verbindung zu bringen, wird öffentlich geahndet. Als ebenso schlimmes Vergehen wie das verbale Abkotzen Winfried Kretschmanns, Baden-Württembergs grünem MP, auf deren Bundesparteitag über die von den Fundis aus seiner Partei geforderte Elektroautoquote, das heimlich von irgendjemand mitgefilmt und von Rechten dann geleakt wurde.
Nein, dass Kunst ganz viel mit Leistung zu tun hat, ist nicht bloß eine tolle Wortspielerei, auf die ich gekommen bin, weil sich „Leistung“ und „Leidenschaft“ irgendwie gleich anhören. Sonst würde ich dem Thema wohl kaum einen ganzen eigenen Beitrag widmen.
Natürlich hat Kunst auch mit Leidenschaft zu tun, ist Kunst am Anfang eine ganz große Passion. Irgendwann aber, nach einer gewissen Zeit, wünscht sich, behaupte ich, aber doch jeder automatisch, dass aus Leidenschaft ein Beherrschen wird.
Als Fußballer trainiert man dann einfach mehr oder übt länger und intensiver, wenn man Musiker werden will. Aber in der Kunst? (mehr dazu: KUNST und Sich-Radikalisieren)
Für mich sind Kunst und Leistung Synonyme, ist Kunst ein Synonym für Leistung und alle Begriffe, die zum Wortfeld „Leistung“ dazugehören. Für alles, was sich unter dem Oberbegriff „Leistung“ zusammenfassen lässt, wie etwa Erfolg, Effizienz, Selbstoptimierung, Zufriedenheit und Einsatz.
Ein Facebook-Freund meinte kürzlich ein einem Kommentar zu meinen letzten Post, das Ganze würde sich anhören wie der Jargon von Marketingberatungsfirmen. Wäre dieser nicht meistens völlig sinnentleert, würde ich das nicht einmal als Kritik ansehen. Schließlich rücke ich Kunst absichtlich in die Nähe von Business und Karriere. Weil ich damit etwas deutlich machen will. Auch wenn ich dabei auf gewaltigen Wiederstand stoße.
„Kunst ist doch das einzige Feld, in dem es noch nicht um Leistung geht und das ist doch gerade das Schöne!“, hat einer meiner Kommilitonen mal geklugscheißert, als ich ein Youtube-Video gemacht habe, in dem es um das gleiche Thema ging.
Ich sehe das natürlich anders! Aber woher kommt meine neoliberale Kunsthaltung?
Ich verrate euch jetzt mal, was mich zu dem gemacht hat, was ich jetzt bin: Ich lese gerne Feuilletons, habe unglücklicherweise aber die schlechte Angewohnheit, nicht darüber hinweglesen zu können, was andre darin über Kunst schreiben. Und weil ich selber Künstler bin, stelle ich immer wieder fest, um wie viel Stuss es sich dabei handelt.
Kunstkritiker tun in ihren Texten immer so, als sei Kunst eine von außen beschreibbare, fest definierte Größe oder Einheit, als könnten sie wie Sportjournalisten, die beim Fußball automatisch auch über Tore berichten, anhand all dessen was sie bisher gesehen haben (aber nie selbst gemacht haben!) automatisch auch festlegen, was Kunst ist. Schlimmer noch sogar: Als gäbe es einen allgemeinen Konsens darüber, was Kunst ist, den sie zwar nicht benennen können (niemand kann das), aber anhand von Kunstwerken beschreiben und zwar mit dem allergrößten Schwulst, der ihnen einfällt. Und dies als ihre oberste Aufgabe ansehen.
Man könnte sagen, sie unterliegen dem Trugschluss, dass Leidenschaft alles ist. Sie überschlagen sich förmlich mit ihrer Leidenschaftlichkeit. „Das Schreiben über Kunst hat das Beschreiben der Wahrheit verloren.“, beschreibt Nicole Zepter diesen Zustand in ihrem Buch „Kunst hassen“.
Dann doch lieber wie ich: Ich will, dass jeder versteht, worum es bei Kunst geht, auch wenn ich mich dabei anhöre, wie ein Werber, wie ein Marketingstratege oder wie ein Personaltrainer im Fitnessstudio, dessen fette Ader an der Stirn noch dicker anschwillt, wenn er seine übergewichtigen Kunden mit kurzen, knackigen Anweisungen zum Schwitzen bringt: Leistung! Leistung! Leistung!
Kunst ist in erster Linie eine Erfindung. Meine Erfindung. Die Erfindung eines Künstlers. Niemand weiß, was Kunst ist, aber jeder kann Kunst machen. Deshalb geht es bei Kunst ums Erfinden. Und ich will, dass das jeder versteht – auch richtig versteht. Denn man könnte es nämlich so auch auslegen, ich würde behaupten, dass Kunst bloß ein ganz großer Bluff ist.
Im Gegenteil: Ich meine das alles durch und durch positiv. Nämlich dass durch die Kunst jeder die Möglichkeit hat, zu sein, wer er sein möchte, zu tun, was er tun will – er muss nur die nötige Leistung dafür aufbringen. Bei Kunst geht es also ums Sich-Selbst-Erfinden.
Ich habe meine persönliche Herangehensweise ans Kunst-Machen mal auf eine, wie ich finde, ganz griffige Formulierung gebracht: Ich weiß nicht, was Kunst ist, weiß nicht, was ich da mache. Deshalb muss ich jeden Tag, das Beste geben, um – wenn schon niemand weiß, was Kunst ist – zumindest die optimalen Voraussetzungen zur Herstellung von Kunst zu schaffen. Um zumindest das Gefühl zu haben, alles dafür getan zu haben, mein Bestes gegeben zu haben, dass Kunst entstehen kann.

Das Gefühl, alles gegeben zu haben, ist ein wesentlicher Faktor für Kunst. Wahrscheinlich der Wichtigste. Deshalb will ich, dass Leute in Zukunft ,wenn sie auf Ausstellungen oder in Museen gehen, verstehen, dass es genau darum geht. Dass es bei Kunst ums Alles-Geben geht, ums Sich-Selbst-Erfinden, um die Leistung, sich selbst zu erfinden. Nur so kann jeder – nicht nur die paar geistigen Höhenflieger, die zu verstehen scheinen, was Kunstkritiker in Feuilletons schreiben – etwas mit Kunst anfangen und von Kunst profitieren.

Freitag, 21. Juli 2017

KUNST und Künstler-Typ Nr. 3

👪 Viele Vorstellungen vom Künstler 👪

Es gibt viele verschiedene Vorstellungen vom Künstler und vom Künstler-Sein. Die wohl treffendste, oder um ehrlich zu sein, diejenige, die sich am wohlwollendsten anhört, aber trotz allem noch zutreffend ist, lautet: Er ist ein Suchender.
Dabei ist „Suchender“, wenn man einmal etwas darüber nachdenkt, auch nichts wirklich Positives – allerhöchstens ist es von anderen anerkennend gemeint, für die es völlig unbegreiflich ist, wie man so eine Art zu leben, freiwillig wählen kann.

Der Künstler als "Suchender" 🔎

„Suchender“ bedeutet nämlich, dass der Künstler sich permanent auf der Suche befindet nach einer Aufgabe, die erst einmal nicht erkennbar ist, oder was noch entmutigender ist für denjenigen, der versucht Kunst zu machen, für deren Existent es nicht einmal einen Anhaltspunkt gibt.
Ausschließlich die Selbstüberzeugung, die ein jeder gute Künstler wesensmäßig besitzt, liefert ihm Indizien, lässt ihn an der Existenz einer Aufgabe nicht zweifeln.
Ein solcher Suchender verdient aber nicht Mitleid, wie man es Kafka-Figuren gern entgegenbringt. Schließlich verweigert er sich ja freiwillig klaren Strukturen, die auch klare Aufgaben mit sich bringen würden, um sich der Kunst zu widmen, deren Merkmal nun mal eben ist, dass es keine Anleitung gibt, wie man sie am Besten erzeugt.
Welche Auswirkungen hat das auf ein Leben?
Wenn es keine klare Aufgabe gibt, dann gibt es auch keine Unterscheidung zwischen Arbeit und Freizeit, dann gibt es auch keinen Anfang und kein Ende und kein bewusstes Erfahren von Gelingen und Scheitern.

Der "Verwahrloste" 🍕 

Es gibt Typen von Künstlern, die sich deshalb treiben lassen, die nur darauf warten, inspiriert zu werden, für die der Umstand, dass man Inspiration nicht erzwingen, dass man bei Kunst nichts erzwingen kann, eine Legitimation für minimalen Einsatz darstellt. 
Sie sind schuld an Bild Nr. 1, das vom Künstler kursiert: Der „Verwahrloste“.
Auch wenn es den Anschein haben mag, bezieht sich „Nr. 1“ hier nicht, auf dessen Verbreitung oder Vorkommen, sondern meint bloß, dass dieser Typ der Erstgenannte hier im Text ist. Tatsächlich aber würde ich die meisten, die Künstler werden wollen und mir im Laufe meines Studiums begegnet sind, trotzdem zu diesem Typus zählen.
In Wahrheit aber bedeutet Kunst machen, permanent um einen Ausgleich bemüht sein zwischen Sich-Treiben-Lassen und Warten auf Inspiration auf der einen Seite und trotzdem ein klares Ziel zu haben, das man nie aus den Augen verliert, auf der anderen.
Permanent um einen Ausgleich bemüht sein zwischen Inspiration und Eingebung einerseits und  mentaler Stärke und Fokus demgegenüber. Zwischen offen zu sein und durchlässig und deren Gegenteil: rücksichtslos und unerbittlich. Und zusätzlich noch damit klar kommen, dass es keine Aufgabe gibt.

Der "Getriebene" 🐝

Am Besten dafür geeignet ist wahrscheinlich Künstlertyp Nr. 2: „Der Getriebene“. 
Wie ein Gejagter fühlt sich jeder, der Kunst macht – auch wenn der "Verwahrloste" vielleicht ein Stück weit kapituliert hat. Sich-Gejagt-Fühlen ist kein Alleinstellungsmerkmal des Getriebenen. Gejagt, weil einen das Gefühl, nicht zu wissen, was Kunst ist, nicht zu wissen, was man da eigentlich macht, nicht zu wissen, warum man sich dafür entschieden hat, nicht zu wissen, wozu man eigentlich auf der Welt ist – ein Gefühl, das sich nur mit maximalem Einsatz bekämpfen lässt – immer wieder einholt.
Der Getriebene unterscheidet sich aber insofern von anderen Künstlertypen, dass er dieses Ankämpfen bis zur absoluten Selbstaufopferung betreibt, ihm alles andere hintanstellt. Er macht Kunst nicht, weil er glaubt, etwas Besonderes zu sein, sondern weil er es tun muss.

Kunst ist für ihn am schwächsten verbunden mit Bildern von Glanz, Ruhm und Popularität. Dementsprechend steht bei ihm beim Kunst-Machen am Ende auch nicht persönlicher Gewinn", wie zum Beispiel durch Kunst die Grundlage für den Glaube an sich selbst aufrechtzuerhalten, sondern sein größtes und vielleicht sogar einziges Bedürfnis ist es, so viel zu produzieren, wie möglich und damit seinen Trieb zu befriedigen.

Das "normale" Mitglied der Leistungsgesellschaft 👔

Auch wenn ich Typ Nr. 2 für seine Kraft, Energie und Unermüdlichkeit bewundere, hat auch er es nicht geschafft herauszufinden, wie Kunst geht, wie Kunst-Machen funktioniert und führt für mich deshalb auch kein funktionierendes Leben. Weil er immer noch damit kämpft, etwas tun zu müssen (auch wenn es bei ihm aus einem inneren Drang heraus geschieht) von dem er gar nicht weiß, was es ist. Vor allem, weil bei ihm Einsatz, Aufwand und Ergebnis nicht in einem rechten Verhältnis zueinander stehen.
Ich möchte deshalb gerne einen dritten Typ Künstler präsentieren, für den ich mich halte, der einem romantischen Bild viel, viel weniger entspricht als die ersten beiden, weil er Teil der Leistungs- und Selbstoptimierungsgesellschaft sein will.
Inwieweit unterscheidet sich dieses Künstlerbild Nr. 3 von anderen, inwieweit muss für dieses andere Bild vom Künstler vielleicht auch das Konzept von Kunst geändert werden?
Dazu folgende Gegenfrage: Was macht Mitglieder einer Leistungsgesellschaft aus? Antwort: Deren Aufgaben.
Und was ist oberste Priorität in dieser Leistungs- und Selbstoptimierungsgesellschaft? Antwort: Effiziente Aufgabenbewältigung.

Selbstoptimierungsformel Kunst

Künstler Nr. 3 ist also einer, dem es bei Kunst um Effizienz geht – auch wenn das wie ein Widerspruch ins ich selbst klingt, weil Effizienz und nicht zu wissen was Kunst ist ja komplett gegenteilig sind. Um Effizienz verbunden mit einem positiven Lebensgefühl, das naturgemäß dadurch abgeschwächt wird, dass man zu bewältigende Aufgaben (noch schlimmer, wenn es sich dabei zusätzlich noch um die eigene Lebensaufgabe handelt) immer wieder ratlos gegenüber steht.
Es geht hier also gar nicht ausschließlich darum, dass Typ 3 sich dadurch auszeichnet, dass er Teil der Leistungs- und Selbstoptimierungsgesellschaft sein will, sondern dass er als Konsequenz aus diesem Wunsch, einen Weg gefunden hat, Kunst effizient zu machen.
Wie immer an dieser Stelle (zum Nachmachen) nun die Art und Weise, wie ich, Künstler Nr. 3, ans Kunst-Produzieren herangehe: Weil ich genauso wie alle anderen nicht weiß, was Kunst ist, wie Kunst-Machen geht, dieser selbstgestellten Aufgabe, jetzt Kunst zu machen, immer wieder völlig ratlos gegenüberstehe, suche ich mir Ziele, die es zu erreichen gilt, zu erledigende Aufgaben, die außerhalb des Bereichs Kunst liegen. Ziele und Aufgaben, für die es einheitliche, klare und eindeutigere Maßstäbe gibt, als es sie fürs Kunst-Machen gibt. Versuche diese Aufgaben zu meiner vollen Zufriedenheit zu erfüllen, um dann das gute Gefühl, bereits etwas geschafft zu haben, aufs Kunst-Machen übertragen zu können, um mit diesem guten Gefühl bereits etwas geschafft zu haben, die viel größere Aufgabe „Kunst-Machen“ anzugehen.
Kunst bedeutet für mich, jeden Tag das Beste aus dem eigenen Leben herauszuholen, um – wenn schon niemand genau sagen kann, was Kunst ist – zumindest die optimalen Voraussetzungen für die Herstellung von Kunst zu schaffen. Auf diese Weiße wird Kunst zur Selbstoptimierungsformel. Künstler Nr. 3 ist der selbstoptimierte Künstler.
Ich bin deshalb der festen Überzeugung, dass es bei Kunst gar nicht so sehr um die Herstellung von Kunstwerken geht – ich würde es sogar so weit zu spitzen und behaupten, dass es sich bei Kunstwerken gar nicht um Kunst handelt – sondern dass es Kunst ist, einen Weg zu finden, eine Herangehensweise, eine Formel, Selbstoptimierungsformel zu entwicklen, mit der man alles mögliche schaffen könnte, nicht notwendigerweise ausschließlich nur Kunst.

Klare Maßstäbe

Kunst machen bedeutet, das ist richtig, dass man sich alle Aufgaben selbst stellen muss, dass alles aus einem selbst herauskommen muss. Doch wenn man sich bewusst gegen das System entscheidet, hat man natürlich auch, mehr Zeit als andere, die Teil des Systems sind, die in das System eingebunden sind, denen darin eine Aufgabe zukommt, an die Erwartungen geknüpft sind. Dementsprechend darf auch mehr erwartet werden. Ich – vielleicht unterscheide ich mich darin von anderen Künstlern –  möchte gerne mit den selben Maßstäben bemessen werden, wie andere Leistungsträger. Denn Künstler ist für mich nicht, wer am Ende des Tages, des Monats oder Jahres es schafft, etwas zu Stande zu bringen, das von anderen zu Kunst erklärt wird. (Lasst uns mal nicht so anspruchslos und leicht zufriedenzustellen sein! Schließlich wird, wenn man im Grunde alle Zeit der Welt hat, wenn man mehr Zeit hat als alle anderen für sich, für die eigenen Ideen, Wünsche, Träume, mehr Zeit hat für Unsinn, am Ende immer irgendwas rauskommen. Auch wenn man noch so lange braucht, sich selbst aufzuraffen. Selbst diejenigen, die auf Inspiration warten, werden irgendwann das Gefühl haben, genug gewartet zu haben.)
Die
Leistung ist nicht das Sich-Aufraffen, es zählt also nicht, dass man schafft, sich selbst aufzuraffen, um Kunst zu machen, sondern es kommt auf die Art und Weise der Lebens- und Aufgabenbewältigung an, das heißt, wie gut man sein Leben strukturiert, wie man Aufgaben zur eigenen Zufriedenheit erfüllt, die sich messen lassen muss an der Art und Weise, wie erfolgreiche Menschen, die in das System und herkömmliche Strukturen eingebunden sind, ihr Leben bewältigen. Nur wer dann im direkten Vergleich immer noch mehr leistet als andere, Bedeutenderes, Einflussreicheres schafft, der ist ein echter Künstler. Alle andere sind bloß Leute, die sich fürs Kunstmachen entscheiden haben, statt für andere, geregeltere Dinge – und bestimmt keine Künstler.