Freitag, 30. Juni 2017

KUNST macht das Leben reicher!

KUNST macht das Leben reicher!

Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Höhenluft #13" mit Werken von Janis Eckhardt, Jordan Madlon und Martin Pöll im Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen (14.06.2017)



Jeder hat eine andere Vorstellung davon, was Kunst ist. Aber alle, die du fragst, welchen Effekt Kunst in ihrem Leben hat – egal ob Kunstkonsumenten oder Künstler – werden in Einem übereinkommenKunst macht das Leben reicher.
Das ist die Gemeinsamkeit zwischen Künstlern und Leuten, die Kunst  bloß konsumieren. Zwischen dem, was Künstler und Leute, die Kunst bloß konsumieren, über Kunst denken: Kunst macht ihr Leben reicher.

Egal ob sie spontan antworten oder ewig nachdenken, „Kunst macht das Leben reicher“ wird ihrer Meinung nach die am besten geeignete Antwort sein.
Und Kunst macht das Leben reicher ist im ersten Augenblick ein so starker Satz. So herrlich einfach und hat gleichzeitig etwas Magisches – wie gute Kunst selbst also.

Nichts, könnte man meinen, bringt so treffend, wie dieser kurze Satz, die Wirkung von Kunst auf das Leben der Menschen auf den Punkt. Und wenn sich darin sogar alle einig sind, weil ja alle das gleiche antworten – zwar unterschiedliche Illustrationen liefern, wie genau Kunst ihr Leben reicher macht, die im Kern jedoch alle genau das gleiche ausdrücken –, dann muss es sich dabei wirklich um die wahre Bedeutung von Kunst handeln: Kunst macht das Leben reicher.

Gleichzeitig ist er aber ziemlich unmutig und leer und hört sich, wenn man genauer darüber nachdenkt, so an, als hätten alle, vor allem das Kunstpublikum, das Wörtchen „reicher“  nicht verwendet, weil sie damit etwas Konkretes sagen wollten oder ausdrücken könnten, sondern bloß aus Ehrfurcht vor der Kunst beziehungsweiße davor, was sie sich unter Kunst vorstellen. Sodass ihnen jede andere Zuschreibung, abgesehen von „reicher“, unangemessen vorgekommen wäre.

Daher kommt es auch – weil dieser Satz so magisch klingt und so unmutig zugleich ist –, dass er sich anhört, wie einer jener Sätze, die in Interviews in Hochglanzmodemagazinen, fett gedruckt und farblich hervorgehoben wurden, neben Abbildungen des Künstlers im Grobstrickcardigan, mit einem Coffeetable-Book auf dem Sofa lümmelnd, im cleanen Studio oder vor einer schönen Kulisse. In den selben Hochglanzmodemagazinen, in denen man auch Artikel über Ivanka Trump findet.
Zwischen „Kunst macht das leben reicher“ und dem Hashtag „WomanWhoWork“, der am Label der Highheels von Ivanka Trump klebt besteht kein Unterschied. Man könnte bei „Kunst macht das Leben reicher“ genauso auch an Highheels, lackierte Fingernägel und an Ivanka Trump. „Kunst macht das Leben reicher“ könnte auch ein Wandtattoo sein.



© Amazon
Ist das nun eine Armutszeugnis für die Kunst? Heißt das, dass es sich bei Kunst, Mode und Werbung um dasselbe handelt? Dass die Kunstindustrie genauso oberflächlich ist, wie die Werbe-oder Modeindustrie? Oder heißt es, dass hinter „Kunst macht das Leben reicher“  – auch wenn dieses „reicher“ mit einem „mode-„ oder „werbeschön“ gleichzusetzen ist – tatsächlich die wahre Wirkung von Kunst steckt und dass sich hinter begriffen, wie „Schönheit“, „Genuss“ und „Anspruch“ – im Englischen klingen sie noch besser: „wealth“, „beauty“perfection“ – die selbe gleiche, tiefe, wahre Bedeutung verbirgt, wie hinter „Kunst macht das Leben reicher“.

Es geht doch bei der Vorstellung, die alle Antwortgeber davon haben, was Kunst bei ihnen oder in ihnen bewirkt, die alle Antwortgeber vom Effekt der Kunst haben, seien es Produzenten oder Konsumenten, vor allem darum, dass Kunst (1) mit einem selbst etwas macht und (2) Kunst das Leben lebenswerter macht. Die Zeit nicht mehr davonrennt, angehalten wird, wenigstens für den Moment des Kunstgenusses beziehungsweiße für den Zeitraum des kreativen Schaffens (im Falle des Produzenten) oder besser gesagt, dieses Verrinnen der Zeit durch eine Überfülle an Eindrücken kompensiert wird, sie in besonderem Maß stimuliert werden, sich besonders intensiv mit ihren Träumen, Wünschen und Sehnsüchten befassen können und daraus resultierend zufriedenere, interessantere glücklichere oder zumindest erleichtertere Menschen werden.

Von Kunst versprechen wir uns also das, was uns von der Mode und der Werbung versrochen wird.
Es geht um ein besseres Leben, darum zu einem besseren Mensch geformt zu werden, es geht darum, das Beste aus dem Leben zu machen.

Aber das ist nur ein mögliches Beispiel, eine mögliche Definition von Kunst... Ich gebe ihnen noch eine andere: Große Kunst, sagt man, ist etwas das einen ganz heftig, tief im Innersten berührt, man spricht vom Erhabenen. Große Kunst ist so wie Barack Obama.
Auf Youtube findet sich eine Rede von ihm, die er im Juni 2015 in einer Kirche in Charleston gehalten hat, nachdem dort, in Charleston, eine 21-jähriger Weißer neun Schwarze getötet hat.
Obama endet seine Rede damit, dass er dreimal „Amazing Grace“, „Amazing Grace“, „Amazing Grace“ sagt. Und stimmt am Schluss, womit keiner gerechnet hat, das Lied „Amazing Grace“ an, und alle stehen auf, reißen die Hände nach oben, fangen an zu applaudieren, bekommen Tränen in den Augen und fangen an mitzusingen. Und ich selbst war beim Anschauen so gerührt wegen Obama, dass ich auch Tränen in den Augen hatte. Auch das ist für mich Kunst.


Omama singt "Amazing Grace"

Ich kann ihnen nur erzählen „Kunst macht das Leben reicher“, aber sie spüren, wenn sie das Video nicht gesehen, nicht das, was ich gespürt habe, und wer nur das Video gesehen hat, spürt nicht dasselbe, wie die Leute, die live dabei waren als Obama „Amazing Grace“ sang. Hier und heute aber (Anm.: Gemeint war die Ausstellung.) haben Sie die Möglichkeit live zu sehen und live zu spüren, ich würde sogar zu behaupten, live zu sehen und zu spüren, was Kunst ist.

Mittwoch, 28. Juni 2017

Aus aktuellem Anlass: Biennale-Kritik



Das Nichts-Tun feiern 😤😤😤

Kunstwerke sind dann am Besten, wenn sie einem vorführen, was Kunst ist. Bei diesem Versuch sind auf dem Arsenale-Gelände der diesjährigen Venedig-Biennale alle gescheitert. Schon lange bin ich nicht mehr so enttäuscht worden, wie von der von Christine Macel kuratierten Hauptausstellung der diesjährigen Biennale "Viva Arte Viva".
Macel hat in Interviews zwar viel davon gesprochen, zwischenzeitlich wohl aber vergessen, worum es bei Kunst wirklich geht. 
Von In-Sich-Gehen, Sich-Seiner-Selbst-Bewusst-Werden, Intensität, Ekstase, dem Moment des Aus-Sich-Heraustretens, Bewusstseinserweiterung, Zeit und Freiheit war in ihren Antworten immer die Rede. Zeigen, welchen Bezug der Künstler zur Zeit hat und was er mit ihr anfängt. Seinen Blick auf die Welt hält sie für außergewöhnlicher als die anderen, weil er erfindungsreich und unabhängig ist. 
Das alles gipfelt zu meinem großen Missfallen in einer Umwertung (Aufwertung) der Vorstellung vom Nichts-Tun. Hier lässt man das kreative Nichts-Tun hochleben.
Die Blicke der Künstler, die sie ausgewählt hat, könnte man auch deshalb für außergewöhnlich halten, weil diese zu sorglos, zu umambitioniert, zu uneitel sind. (Dabei handelt es sich dann um eine Umwertung von "außergewöhnlich" nach Macels Manier. Nur umgekehrt.)

Kunstwerke sind am Besten, wenn sie vorführen, was Kunst ist

Das führt mich zurück zu meiner Behauptung vom Anfang: Kunstwerke sind dann am Besten, wenn sie einem vorführen, was Kunst ist. Das impliziert, dass es sich bei Kunstwerken selbst nicht um Kunst handelt.
Kunst ist etwas, das direkten Einfluss auf das Leben hat. Ich bin mir allerdings noch nicht ganz sicher, ob es sich dabei um eine Anspruchshaltung ans Leben handelt, im Sinne, dass Kunst für ein besseres Leben steht, dass es darum geht, das Leben "kunstwürdiger" zu machen oder ob Kunst nicht schon allein der Wunsch dies zu versuchen, zu erreichen ist und alles wovon dieses Bestreben sich nährt – so wie der künstlerischen Ansatzes beim Künstler. Also das, was hinter seinem Kunstschaffen steckt. 

Es reicht nicht, wenn Kunstwerke nur davon handeln

Es reicht nicht aus, wenn Kunstwerke nur von Intensität, Bewusstseinserweiterung und Zeit handeln. Kunstwerke müssen einem Lust machen mit Kunst Einfluss auf diese Bereiche zu nehmen und einem vorführen, wie es geht.
Kunst kann wirklich das Leben verändern, weil der Blick des Künstlers – da bin ich mit Macel einer Meinung – tatsächlich außergewöhnlich ist. Außergewöhnlich, weil er auf das Wesentliche im Leben gerichtet ist, das Elementare, Grundlegendste. Kunst ist das Elementare und Kunst-Machen ist dessen Ausgestaltung. Doch an dieser Stelle erliegt Macel einem fatalen Missverständnis. Das Grundlegendste kann selbstverständlich auch das Streben nach dem Größtmöglichen sein. So wie ich es mit meiner Kunst versuche.

"Wesentlich" und das Wesen falsch verstanden 😴😴😴

Das tut der Künstler hier aber nicht. Nochmal: Sein Blick ist deshalb außergewöhnlich, weil er zu sorglos, zu umambitioniert, zu uneitel ist. Er ist verliebt ins Schlafen, nicht ins Schaffen. 
Es hat den Anschein, als handele es sich beim Wesentlichen hier bloß um Begeisterung für Materialen, fürs Schaffen mit den Händen, Begeisterung für andere. Sich mehr für andere interessieren als fürs eigene Vorankommen, als fürs eigene Künstler-Ego. So sehr für andere interessieren, dass einem nicht vorgeworfen werden kann, dass man am Ende nicht wirklich etwas geschafft hat.
Nur: Ist das wirklich das Wesen des Künstlers? Und: Streben nicht auch die Benachteiligten, um die es hier so oft geht, nach dem Allergrößten? Nur eben innerhalb ihrer eigenen Schranken. Ist das dann nicht sogar mehr Kunst? Macht sie das nicht sogar mehr zu Künstlern?

Mäßigung ist kein Weg zur Kunst

Das Grundlegende kann auch das Streben nach dem Größtmöglichen sein und muss nicht bedeuten, das Kunstmachen auf die simpelsten Betätigungen zurückzuführen. Hier findet eine Mäßigung der Möglichkeiten statt, um darauf aufmerksam zu machen, dass es bei Kunst ums Wesentliche geht.
Wesentlich für Kunst ist hier nicht das Ausschöpfen der Möglichkeiten, sondern Mäßigung. Zwar kann diese tatsächlich ein Bestandteil von Kunst sein, nur eben niemals in Form von Mäßigung der Mittel oder der Einsatzmöglichkeiten. Ausschließlich Sich-Selbst-Mäßigen als Selbsttherapie gegen die Unsicherheit beim Kunst-Machen, gegen das Unwissen über Kunst, bei denen es sich leider um Wesensmerkmale der Kunst handelt, ist erlaubt.
Wenn man nie wirklich kann, sondern immer nur versucht, immer nur darauf wartet endlich zu können, führt man automatisch ein bedachteres, gemäßigteres, bescheideneres und demütigeres Leben.
Sich-Selsbt-Mäßigen ist die einzige Form der Mäßigung mit der man Kunst erreichen kann und führt vor, dass Kunst bei einem selbst stattfindet, dass das Kunst-Machen mit einem selbst etwas macht. 
Keins der Kunstwerke hier hat das rübergebracht. Die sind alle so gemäßigt, dass sie mit einem selbst gar nichts mehr machen. 
Was völlig fehlt: Echte Künstler. Echte Künstler, die nach dem Allergrößten streben und bei denen allein das mit dem Mäßigen deshalb funktioniert.



Mittwoch, 21. Juni 2017

KUNST und Sich-Radikalisieren


JUGENDSCHUTZ.NET

Als Künstler kann ich verstehen, dass man sich radikalisiert. Das heißt, ich kann Terroristen in gewisser Hinsicht verstehen. Irgendwann im Laufe seines Lebens beginnt jeder ernstzunehmende Künstler-Anwärter damit, sich zu radikalisieren. 
Auch ich habe mich radikalisiert. Auch ich bin irgendwann zu der Ansicht gelangt, dass meine Handlungsweise extremer werden muss, dass ich extremer werden muss, um meine Ziele zu erreichen.
Auch ich bin ein junger Mensch auf der Suche nach Halt, Identität und Orientierung. Auch mit Komplexen. Also anfällig dafür, mich zu radikalisieren.
Kunst war für mich schon immer ganz wichtig für meine Persönlichkeitsbildung. Ein wesentlicher Faktor, um mich zu einer starken, unabhängigen und eigenständigen Person zu entwickeln. Früher war es für mich sogar noch wichtiger als heute, dass andere merken, dass ich etwas mit Kunst zu tuen habe und dass meine Berechtigung für diese Zugehörigkeit zur Kunst das ist, was mich von anderen unterscheidet, was mich einzigartig macht. Dass Kunst mich einzigartig macht.
Der Grund, wieso ich mich radikalisiert habe, ist auch das Thema meiner YouTube-Videos und ein Alleinstellungsmerkmal der Kunst: Niemand weiß, was Kunst ist.
Ich bin also in doppelter Hinsicht verunsichert: Einmal weil ich wie alle in meinem Alter nicht weiß, wie man Zukunft aussieht und zusätzlich noch weil ich nie wissen werde, was Kunst ist.
Kunst ist es dann, wenn man über sich selbst hinauswächst, von sich selbst überrascht wird. Deshalb kann man als Künstler, in der Kunst nie Gewissheit, nie Sicherheit erlangen, nie einen Fortschritt erreichen. Um trotzdem Kunst machen zu können, muss man sich andere Methoden, andere Wege suchen, die außerhalb des Felds Kunst liegen. Maßstäbe in anderen Bereichen festlegen, um Zufriedenheit erreichen zu können (wenn man diese Maßstäbe erfüllt), die man dann auf das eigene Kunstschaffen projizieren kann.
Es geht bei Kunst also zuallererst nicht ums Kunst-Machen, sondern darum, eine Methode zu finden. Deshalb ist Kunst auch nicht Kunstwerke, sondern ein Lifestyle. Und eine dieser Methode kann sein, sich zu radikalisieren.
Was bedeutet Radikalisierung in der Kunst und für den Künstler und woher kommt sie?
Mit der eigenen Radikalisierung reagiert man bloß auf das permanente Gefühl nicht zu wissen, was Kunst ist.
„Kunst machen“ bedeutet übersetzt zwei Dinge: (1) Seine Träume verwirklichen. Träume aber nicht im Sinne von Ziele, das heißt Dinge, die man im Leben versucht zu erreichen. Also nichts Zukunftsgewandtes. Sondern Träume, wie die Dinge, die man sich als Kind immer vorgestellt hat. Und diese versuchen zu realisieren – und zwar jeden Tag. Nur leider ist das, was man in echt schafft umzusetzen, nie so gut, wie das, was man sich vorgestellt hat. Kunst ist nie so gut, wie das, was man am Anfang im Kopf hatte. Deshalb sucht man sich Methoden außerhalb der Kunst, um das Gefühl zu bekommen, Kunst machen zu können, und ein Erfolgsgefühl (oder zumindest Befriedigung) zu erhalten, das man dann aufs Kunstmachen projizieren kann.
(2) Kunst bedeutet sich selbst erfinden. Kunst kann man nicht beherrschen, nie wirklich können, sondern man kann immer nur hoffen, immer nur versuchen Kunst zu machen.
Das hat natürlich auch Folgen auf das eigene Leben. Wenn man nie wirklich kann, sondern immer nur versucht, immer nur darauf wartet endlich zu können, führt man automatisch ein bedachteres, gemäßigteres, bescheideneres, demütigeres Leben.
„Selbst erfinden“ bedeutet dann: Man kann nie einfach ausleben, wer man wirklich ist, nie einfach man selbst sein, denn das würde sich gehen lassen bedeuten.
Weil Kunst aber das Allergrößte für einen ist, nicht einfach nur irgendetwas, sondern das Allergrößte, Allerschönste, Allertollste, kann aber Zurückhaltung und Mäßigung, auch wenn diese angesichts des Nicht-Wissen angebracht wären, nie der Weg sein, auf dem man Kunst erreichen kann. Stattdessen entscheidet man sich dafür, sich zu radikalisieren. An die Stelle von Zurückhaltung und Mäßigung, tritt das Gefühl, es sich möglichst schwer, möglichst unbequem gemacht zu haben. Das Gefühl, besser habe ich es nicht hinbekommen, das Gefühl, alles gegeben zu haben, wird ein entscheidender Faktor für Kunst.
Ich kann nicht verstehen, wie man andere Menschen umbringen kann. Aber ich kann verstehen, dass man andere hasst. Auch ich empfinde Hass auf jeden, der meine Kunstwelt zum Zusammenbrechen bringt. Kunst bedeutet nämlich, dass man sich selbst eine eigene Welt schafft. Doch je mehr man sich radikalisiert, desto schwerer fällt es, diese eigene Welt aufrechtzuerhalten, desto schwerer wird es weiter in dieser eigenen Welt zu leben, diese eigenen Welt gegen das Außen zu beschützen, nicht von anderen aus dieser eigenen Welt hinausgeworfen zu werden. Das können Menschen sein, die einem nahe stehen, Familie und Freunde aber auch eigene Erinnerungen. Erinnerungen, daran, wie man früher war, wie wenig radikal. 
Zurück zu dem, was ich am Anfang beschrieben habe: Niemand weiß, was Kunst ist, deshalb ist die wahre Kunst für mich auch nicht das Zufallsprodukt, das am Ende dabei herauskommt, das ohnehin nie so gut ist, wie das, was man sich vorgestellt hat, sondern der Weg zur Kunst, der künstlerische Ansatz, der einem alles abverlangt, der einen an die eigenen Grenzen gehen lässt, der einen zwingt, alles rauszuholen. Die Leistungsformel, die Selbstoptimierungsformel Kunst. Auch wenn das bedeutet, sich zu radikalisieren.


Freitag, 2. Juni 2017

KUNST und ihre wahre Bedeutung

🌟Kunst macht das Leben reicher🌟


Jeder hat eine andere Vorstellung davon, was Kunst ist. Aber alle, die du fragst, welchen Effekt Kunst in ihrem Leben hat – egal ob Kunstkonsumenten oder Künstler – werden in Einem übereinkommen: Kunst macht ihr Leben reicher. Das ist die Gemeinsamkeit zwischen Künstlern und Leuten, die bloß Kunst konsumieren. Zwischen dem, was Künstler und Leute, die bloß Kunst konsumieren, über Kunst denken: Kunst macht ihr Leben reicher. Egal ob sie spontan antworten oder ewig nachdenken, „Kunst macht das Leben reicher“ wird ihrer Meinung nach die am besten geeignete Antwort sein.


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Das hat natürlich auch Auswirkungen auf meine eigene Kunstauffassung: „Kunst macht das Leben reicher“ bedeutet für mich, nichts mehr tuen zu müssen, was mir nicht gut tut. Und das hat das Kunstmachen oftmals getan.
Ich kann also nicht weiter machen wie vorher. Denn bisher war für mich das Erkennungsmerkmal von großer Kunst immer, dass ich mich für sie aufopfern und alles geben muss. Das Gefühl, besser habe ich es nicht hinbekommen, war für mich alles, worauf es in der Kunst ankommt. Der einzige Weg, Kunst entstehen zu lassen.
Wie aber passt dieses permanent Sich-Aufopfern zum positiven Effekt, den Kunst für einen selbst haben soll? Ist das nicht ein Widerspruch?
Er liegt für mich aber nicht darin, dass man sich für Kunst aufopfern muss, denn ich muss mich tatsächlich verausgaben, damit es mir gut geht. Sondern darin, sich für selbsterfundene Dinge, wie Kunstwerke, aufzuopfern. Meint Kunst nicht eher das Leben selbst? Ist Kunst nicht eher eine Art zu leben? Sodass es einen unmittelbaren Effekt auf mein eigenes Leben hat, wenn ich mich für die Kunst aufopfere. Ist das nicht erstrebenswerter?

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Kunst steht für ein besseres Leben

Ist es nicht wunderbar, dass sich Künstler und Kunstliebhaber, was die Wirkung von Kunst auf ihr Leben angeht, so einig sind? Und dass diese Wirkung dazu noch etwas so Großes und Kraftvolles ist? Nämlich dass Kunst für ein besseres Leben steht: Kunst macht das Leben reicher.
Und ich merke, wie ich beim Aussprechen von meinen Gedanken fortgetragen werde in meine Idealvorstellung einer Welt.

A Single Man (2010) R: Tom Ford
Und ich freue mich darüber, dass so viele Leute etwas Schönes mit Kunst verbinden, dass Kunst jedem, der sich mit Kunst befasst, so viel bedeutet. Kunst macht das Leben reicher. Und ich habe kein Problem damit, dieses Gefühl mit anderen zu teilen, obwohl es für mich früher, für meine Persönlichkeitsbildung, um mich zu einer starken, unabhängigen und eigenständigen Person zu entwickeln, ganz wichtig war, dass andere speziell mich irgendwie dieser exklusiven Kunstszene zuordnen und dass meine Berechtigung für diese Zugehörigkeit zum Bereich Kunst der Unterschied zwischen mir und anderen ist. Und dass Kunst mich einzigartig macht.

Im ersten Augenblick ein starker Satz

Kunst macht das Leben reicher. Im ersten Augenblick ist das ein so starker Satz. So herrlich einfach und hat gleichzeitig etwas Magisches – wie gute Kunst selbst also. Nichts könnte man meinen, bringt so treffend, wie dieser kurze Satz, die Wirkung von Kunst auf das Leben der Menschen auf den Punkt. Und wenn sich darin sogar alle einig sind, weil ja alle das gleiche antworten – zwar unterschiedliche Illustrationen liefern, wie Kunst ihr leben reicher macht, die im Kern jedoch alle genau das gleiche ausdrücken – dann muss es sich dabei wirklich um die wahre Bedeutung von Kunst handeln: Kunst macht das Leben reicher.
Gleichzeitig ist er aber ziemlich unmutig und leer und hört sich, wenn man genauer darüber nachdenkt, so an, als hätten alle, vor allem das Kunstpublikum, das Wörtchen „reicher“  nicht verwendet, weil sie damit etwas Konkretes sagen wollten oder ausdrücken könnten, sondern bloß aus Ehrfurcht vor der Kunst beziehungsweiße ihrer eigenen Vorstellung von Kunst (wie wichtig das, was jeder Einzelne mit Kunst verbindet, für das richtige Verständnis von Kunst ist, darauf werde ich später noch kommen), sodass ihnen jede andere Zuschreibung, abgesehen von „reicher“, unangemessen vorgekommen wäre.
Daher kommt es auch – weil dieser Satz so magisch klingt und so unmutig zugleich ist –, dass er sich anhört, wie einer jener Sätze, die in Interviews in Hochglanzmagazinen fett gedruckt und farblich hervorgehoben wurden, neben Abbildungen des Künstlers vor einer schönen Kulisse.

Julian Schnabel © Globe Photo / Wiqan Ang

Julian Schnabel © GQ Germany

Trotzdem glaube ich, dass sich hinter „Kunst macht das Leben reicher“ tatsächlich die wahre Wirkung von Kunst verbirgt, und er alles, was Kunst ausmacht, in fünf Worten zusammenfasst. Kunst macht das Leben reicher – auch wenn dieses „reicher“ so nichtssagend bleibt, dass sich davon ausgehend keinerlei Rückschlüsse auf das wahre Wesen der Kunst ziehen lassen.
Mehr als ein undefinierbares Gefühl ruft dieses „reicher“ nämlich nicht hervor. Aber vielleicht hat ja zumindest dieses Gefühl wirklich etwas Wahres und vielleicht geht es bei Kunst ja auch gerade genau um dieses Gefühl. Und weil auch in mir dieses Gefühl geweckt wird und weil auch ich glaube, dass Kunst das Leben reicher macht, versuche ich hinter das Geheimnis dieses „reicher“ zu kommen.

"reicher" klingt wie „mode-„ oder „werbeschön“

Deshalb nochmal: Wenn du normale Leute, fragst, welche Bedeutung Kunst für sie hat, werden sie dir antworten, dass Kunst ihr Leben reicher macht. Und auch ein Künstler – egal, wie viel ihm das Kunstmachen auch abverlangt, wie sehr ihn das Kunstmachen auch zur Verzweiflung oder Weißglut bringen mag – wird sagen, dass Kunst das Leben reicher macht. Obwohl das wie ein Satz aus einer Illustrierten klingt oder schlimmer noch, sogar ein Wandtattoo sein könnte.
Und auch wenn dieses „reicher“ nicht mit einem „mode-„ oder „werbeschön“ gleichsetzbar ist, halte ich, den Vergleich zwischen Kunst und einem Hochglanzblättchen nicht für ganz so abwegig, um hinter die wahre Bedeutung von Kunst zu kommen und den Effekt von Kunst auf ein Leben zu verstehen, geht es doch aber bei der Vorstellung, die alle Antwortgeber davon haben, was Kunst bei ihnen oder in ihnen bewirkt, die alle Antwortgeber vom Effekt der Kunst haben, seien es Produzenten oder Konsumenten, vor allem darum, dass Kunst das Leben lebenswerter macht. Die Zeit nicht mehr davonrennt, angehalten wird, wenigstens für den Moment des Kunstgenusses (im Falle des Rezipienten) beziehungsweiße für den Zeitraum des kreativen Schaffens (im Falle des Produzenten) oder besser gesagt, dieses Verrinnen durch eine Überfülle an Eindrücken kompensiert wird, sie in besonderem Maß stimuliert werden, sich besonders intensiv mit ihren Träumen, Wünschen und Sehnsüchten befassen können und daraus resultierend zufriedenere, interessantere glücklichere oder zumindest erleichtertere Menschen werden.
Es geht also um den gleichen Effekt wie in der Mode und Werbung. Also doch irgendwie Hochglanzmagazin. Und es ist nicht einmal ein Widerspruch, dass zur Wirkung von Kunst genauso auch Aufrütteln, Aufwecken und vor den Kopf Stoßen gehören, weil diese ja nicht zwangsläufig als etwas Negatives wahrgenommen werden. Trotzdem würde Kunst nicht durchweg als etwas Positives gelten, würde sie einem nicht überwiegend ein Gefühl von Genuss, Schönheit, Zeitlosigkeit und Glück schenken. Gefühlsempfindungen, auf die auch die Mode, die Werbung und die Unterhaltungsindustrie aus sind.

Selbstverwirklichung 


Ist das nun ein Armutszeugnis für die Kunst? Heißt das, dass die Kunstindustrie genauso oberflächlich ist, wie die Werbe- oder Modeindustrie? Wenn man an die fabrikmäßige Herstellung von Kunstwerken nach den Geschmäcken und Vorlieben der Sammler und den Vorgaben des Marktes denkt, könnte man glatt zu diesem Glauben gelangen. Oder bedeutet es, dass hinter Begriffen wie Schönheit, Genuss, Anspruch – im Englischen klingen sie noch besser: „wealth“, „beauty“, „perfection“ – eine gleiche tiefe, wahre Bedeutung liegt, wie hinter „Kunst macht das Leben reicher“.



Und dass deren Oberfläche, also das, wofür sie augenscheinlich stehen, obwohl sie in Wahrheit alle eine tiefere Bedeutung besitzen (ich behaupte sogar, alle die selbe tiefe Bedeutung, wie „Kunst macht das Leben reicher“), von der Branche nur – wie Kritiker sagen – „missbraucht“ wurde.
Ich habe nichts gegen diesen Missbrauch. Im Gegenteil: Ich finde ihn nachvollziehbar, weil Mode, Werbung und Unterhaltung wie die Kunst mit Träumen operieren und weil ich glaube, dass hinter jedem Modefoto, hinter jedem fett hervorgehobenen Satz in einem Interview in Hochglanzmagazinen, eine abstrakte Vorstellung von etwas liegt – die selbe abstrakte Vorstellung, die auch hinter dem Reichtum, der Reichhaltigkeit und Fülle in „Kunst macht das Leben reicher“ liegt, die selbe abstrakte Vorstellung, die meiner Meinung nach auch hinter der Kunst selbst steckt, die selbe abstrakte Vorstellung, von der ich nicht ganz sicher bin, ob es sich bei ihr nicht eigentlich um die Kunst selbst handelt.


© GQ Germany
Es ist doch schön, dass die Mode, die Werbung und die Unterhaltung, diese abstrakte Vorstellung auf Begriffe gebracht haben, mit denen jeder etwas anfangen kann. Und dass diese abstrakte Vorstellung mit Begriffen, wie „perfection“, Genuss, „beauty“ und „lifestyle“ zusammenhängt, die von der Mode, Werbung und Unterhaltung vereinnahmt wurde und dass wir dabei deshalb an lackierte Nägel denken, an Ivanka Trump und an Norman Bates aus American Psycho, ist, finde ich, gar kein Armutszeugnis, sondern steht im Gegenteil für die größte Errungenschaft unserer Zeit: Die Selbstverwirklichungsindustrie oder Traumindustrie, zu der Mode, Werbung, Social Media und auch die Kunst gehören, die uns vor Augen hält, welch ein wichtiges Gut Selbstverwirklichung heute in der Gesellschaft darstellt.


Vielleicht hilft dieser Vergleich sogar dabei, endlich den Fehlglauben zu beheben, dass sich aus der Entscheidung Kunst zu machen, automatisch ergibt, dass man sich auf das eigene Glück verlässt, sich gehen lässt, weil Kunst ja das eigentlich Wichtige ist und nicht man selbst.
Wenn wir heute also in der Werbung oder in Magazinen, geschönte Bilder von teuren Produkten, tollen Orten und wunderschönen Menschen sehen, dann geht es nicht darum, uns Dinge zu verkaufen, sondern dann reagiert die Industrie einfach nur auf unseren eigenen Wunsch, uns selbst zu verwirklichen, unsere Träume auszuleben und uns selbst zu optimieren, weil mit der Möglichkeit sich selbst verwirklichen auch die Ansprüche, die man an sich selbst hat, wachsen.
Daher frage ich: Haben die Modeindustrie und Werbung mit Botschaften wie „#ImPerfect“, „#WomenWhoWork“ oder „strong and beatiful“ die wahre Wirkung von Kunst nicht genauso auf eine eindeutige Formel oder Schlagwörter gebracht, wie es der Slogan „Kunst macht das Leben reicher“ tut?  Und sind sie nicht näher dran an der wahren Wirkung von Kunst, als alle realen Kunstwerke, hinter denen der Künstler seine "egoistische" Absicht, sich selbst zu verwirklichen, die jeder hat, und die sich die Werbung und Mode zu Nutzen macht, bloß verbirgt?
Überhaupt macht das Zustandebringen von Kunstwerken, das Arbeiten an Kunstwerken diesen ursprünglichen Gedanken von Selbstverwirklichung ganz vergessen, weil ja ein Leben für die Kunst  völlige Hingabe erfordert – bis zur Selbstaufopferung –, sodass dieser ursprüngliche Wunsch nicht nur völlig in Vergessenheit gerät, sondern auch ganz und gar unangemessen erscheint angesichts, dessen, was man alles zur Erschaffung von Kunst aufbringen muss. Auch wenn der Wunsch sich selbst zu verwirklichen eigentlich nicht deutlicher erkennbar sein könnte, nirgendwo deutlicher zum Ausdruck kommt, als im Entschluss Kunst zu machen.

Worum geht es in „Kunst macht das Leben reicher“?

„Kunst macht das Leben reicher“ hilft uns zu diesem ursprünglichen Gedanken zurückzufinden. Ich will erläutern, worum es meiner Meinung nach in „Kunst macht das Leben reicher“ geht:  In „Kunst macht das Leben reicher“ und der abstrakten Vorstellung, die dem Kunstbegriff darin zu Grunde liegt, stecken meiner Meinung nach drei unterschiedliche Wirkungen von Kunst, die sich alle mit „Kunst macht das Leben reicher“ überschreiben lassen: Kunst ist (1) ein wichtiger Bestandteil des Selbstbilds, der Selbstkonzeption eines Menschen, bei Kunst geht es um (2) Life-Work-Balance und um (3) Dinge-Verarbeiten.

Selbstkonzeption


(1): Kunst und alles, was zur Kunst dazugehört, die Kunstwelt, das Klischee vom Künstler, alles, was ein Mensch mit Kunst in Verbindung bringt (Schönheit, Erhabenheit, Glanz, Glamour, Gefühl, Geheimnis, Magie, Tiefgründigkeit und Tiefsinnigkeit), sind Bestandteile der Selbstkonzeption eines Menschen, durch die er ein seiner Vorstellung nach besseres Leben zu erreichen versucht.

Künstler und Vernissage-Besucher in St.Agnes © Getty Images 
Bei „Kunst macht das Leben reicher“ geht es nicht darum, was ein einzelnes Kunstwerk – das gilt für den Besitz, die Rezeption und die Produktion von Kunst gleichermaßen – mit einem macht, welche Gefühle es in einem auslöst, welche Denkanstöße es liefert. Also nicht Kunsterfahrung im Sinne des Kontakts mit einem Kunstwerk und die Reaktion darauf. Ein einzelnes Kunstwerk ist in diesem Modell sogar gänzlich bedeutungslos, egal wie tief im Innersten einen auch berühren mag. Sondern es geht um alles, was zur Vorstellung von Kunst dazugehört und zum Teil der Selbstkonzeption eines Menschen wird.
Es handelt sich daher trotzdem um ein Reiz-Reaktionsmodell. Nur nicht zwischen Kunstwerk und Betrachter, sondern zwischen Entwickler eines Selbstkonzepts und Vorstellungen, die mit Kunst verknüpft sind. Ein Mensch macht Kunst zum Bestandteil seiner Selbstkonzeption, mit der er ein besseres leben zu erreichen versucht. Kunst wird aufgrund aller Vorstellungen, die mit Kunst verbunden sind – die sogar unabhängig sein können von persönlichen Erfahrungen mit realen Kunstwerken – zur Säule eines besseren Lebens. Damit kommt Kunst die selbe Bedeutung zu, wie für Bodybuilder Ernährung und Bewegung, die selbe Bedeutung wie für andere Leute Statussymbole, wie ein Porsche 911er, eine Rolex oder Birkin Bag, die über ihren Wert als teure Verkaufsobjekte (die Kunstwerke ja im Grunde ebenso sind) eine viel größere Bedeutung für einen Einzelnen haben können – darüber hinaus eine eigene Geschichte besitzen, die einem die Werbung erzählt, mit einem Lebensgefühl verbunden werden und mit konkreten Personen, Vorbildern in Verbindung gebracht werden – und lebensveränderten Einfluss auf einen Menschen nehmen können, weil er in ihnen alle seine Vorstellungen eines anspruchsvollen Lebens bündelt, sie zum Symbol eines besseren Leben macht und sie ihm dabei helfen, dies wirklich umzusetzen, indem sie als Leitstern dienen.


Um die selbe Art von All Time-Favorites, die mit Vorstellungen eines besseren, schöneren anspruchsvolleren Lebens verbunden sind, wie die Rolex, der Porsche oder die teure Handtasche, handelt es sich also auch bei der Kunst. Und es geht dabei nicht um Luxus, auch wenn es sich bei Kunstwerken natürlich um Luxusgüter handelt, sondern um Anspruch. Kunst als Attribut eines anspruchsvolleren Lebens. Beim Erlangen von Schönheit, von Fitness, beim Kauf einer Rolex, eines Porsche, einer Birkin-Bag, beim Kauf von Kunst, beim Genuss von Kunst, bei Herstellen von Kunst, beim sich selbst verwirklichen geht es im Kern um genau das Selbe: Würde-Erlangen. Mehr Selbstzufriedenheit. Ein positiveres Lebensgefühl.
Diesen Effekt beschreibt auch der Satz „Kunst macht das Leben reicher“. Es geht bei Kunst also nicht um die tiefe Berührung mit einem einzelnen Kunstwerk, die egal wie stark sie auch sein mag, wie tief und heftig sie einen auch ergreifen mag und auch wenn dies als Zeichen für große Kunst erachtet wird, bloß temporär ist und daher zweitrangig bleibt. Sondern es geht darum, welchen Einfluss die Vorstellung eines einzelnen von Kunst, wenn er Kunst zur wichtigen Säule seines Selbstentwurfs macht auf die Ausgestaltung eines gesamten Lebens nimmt.

Life-Work-Balance

(2): Wenn Menschen sagen, Kunst macht ihr Leben reicher, dann verwenden sie „Kunst“ in Abgrenzung zu „Alltag“, dann geht es um Life-Work-Balance. Die meisten Menschen konsumieren Kunst in ihrer Freizeit, im Urlaub, am Wochenende, nach Feierabend. In den gleichen Momenten, in denen sie auch Modemagazine lesen und Werbung schauen würden. Um sich treiben zu lassen, sich inspirieren zu lassen, es sich gut gehen zu lassen. Ich denke, dass es bei so einem Kontakt des Publikums mit Kunst – beim Kunstproduzieren ohnehin – weniger ums Nachdenken über Kunst, sondern ums Nachdenken über sich selbst geht und dass es beim Besuch einer Ausstellung in Wirklichkeit nicht um die darin ausgestellten Kunstwerke, sondern vor allem um Zeit für sich selbst und mit sich selbst geht.

Arbeiten an sich selbst 

(3): Man kann mir vorwerfen, dass ich dieses Bild von Kunst nur habe, weil ich mich für modischer, schöner, gepflegter und durchtrainierter halte als andere. Weil ich mehr dafür getan habe, an das Bild heranzureichen, das uns die Mode und die Werbung vorgeben – und daraus den Glauben schöpfe, mehr mit Kunst zu tuen zu haben, als andere.
Aber im Gegenteil: Ich denke, ich war viel unzufriedener mit mir als andere. Bin viel weniger mit mir selbst klargekommen als andere. Habe viel stärker den Drang verspürt mich zu verändern und deshalb zur Kunst gefunden: Die Kunst als Ausweg gesehen.
Auch wenn ich keine Antwort auf die Frage „Was ist Kunst?“ habe, würde ich deshalb niemals an der Existenz von Kunst zweifeln. Weil die Kunst mir wirklich geholfen hat, weil ich ihre Wirkung wirklich gespürt habe, weil ich durchs Kunstmachen ein glücklicherer, zufriedener, stärkerer Mensch geworden bin. 
Ich wiederspreche daher ganz lauthals jeder Definition die sagt, dass Kunst nutzlos sei oder dass sich die Wirkung von großer Kunst noch immer mit Magie oder dem Einbruch von etwas Göttlichem vergleichen lasse, weil sie nicht erklärbar sei. Weil der Künstler nicht wisse, wie er dieses große Kunstwerk zu Stande gebracht hat und der Betrachter auf unerklärliche Weise, davon ganz tief im Innersten berührt werde. 
Dadurch kann aber niemand wirklich von der Kunst profitieren, niemand einen Nutzen aus der Kunst ziehen. „Kunst macht das Leben reicher“ stünde dann nur für den kurzen Moment der tiefen Berührung (Rezipient) und den Moment des Wunderns über sich selbst, weil man nicht weiß, wie man ein großes Kunstwerk zu Stande gebracht hat (Produzent).
Ich glaube nicht, dass Kunst machen etwas Magisches ist, sondern dass es Kunst wirklich gibt. Kunst meint aber nicht Kunstwerke, sondern: Kunst meint die Arbeit an sich selbst und den Effekt, der sich aus dieser Arbeit ergibt und den jeder bei sich selbst wahrnehmen, den jeder bei sich selbst spüren kann.🌟